Interview
„Das Absurde und das Tragische liegen oft erstaunlich nah beieinander.“
Im Gespräch mit Regisseur Matthias Suske
Matthias Suske (rechts) ist Mitbegründer des Theater am Weinberg und seit 2023 dessen künstlerischer Leiter. Er fungiert als Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler. Clemens-G. Göller (links) ist seit 2024 Vorstands- und Ensemblemitglied und heuer selbst in drei der fünf Stücke zu sehen.
Fünf kurze Stücke, fünf unterschiedliche Zugänge und doch überraschende Gemeinsamkeiten: Im Gespräch mit Regisseur Matthias Suske geht Clemens-G. Göller den Ideen und Hintergründen des aktuellen Theaterabends nach.
Matthias, warum gleich fünf Kurzstücke an einem Abend?
Matthias Suske: „Auf hoher See“ von Sławomir Mrożek wollte ich auf jeden Fall machen. Für einen ganzen Abend ist es aber zu kurz, ein zweites Stück in dieser Länge wäre wiederum zu viel. Also kommen nach der Pause noch vier kurze Stücke dazu. Die könnten unterschiedlicher kaum sein – und trotzdem fühlt es sich für uns stimmig an. Wie bei Bildern in einer Ausstellung: Die müssen ja auch nicht alle gleich sein.
Was verbindet die Stücke – außer ihrer Kürze?
Matthias Suske: Sie sind alle auf ihre Art komisch und absurd. Bernhard bringt in „A Doda“ einen karikaturenhaften Dialog durch den Rhythmus der Sprache zum Klingen, Waechter erzählt mit wenigen Sätzen vom Altwerden, Kafka schafft in „Der Kübelreiter“ Bilder von Kälte, Einsamkeit und dem Nicht-wahrgenommen-Werden. Und Ken Campbell entwickelt ein fast textloses, slapstickartiges Duett. Verbunden werden die Stücke außerdem durch unsere Musiker.
Alexander Shevchenko und Alfred Stütz führen musikalisch durch den Theaterabend.
Es gibt ja trotz aller Unterschiede einen gemeinsamen Kern …
Matthias Suske: Ja. Der Titel „Es wird eng in der Weite“ beschreibt das ganz gut: Die Figuren bewegen sich in einer Welt, die eigentlich weit und offen sein könnte – und fühlen sich trotzdem eingeengt. Vielleicht ist das verbindende Moment diese Einsamkeit des Menschen, in der er sich mit seinen Schwächen, Traumata und Zwängen in der Welt zurechtzufinden versucht. Und der Humor ist es auch, der durch alle Stücke durchblitzt und uns listig zublinzelt – auch wenn die Situationen, die wir sehen, nicht nur lustig sind.
Das wird in „Auf hoher See“ besonders deutlich. Was interessiert dich an dem Stück?
Matthias Suske: Mich beschäftigt die Frage, wie frei wir tatsächlich sind, wenn wir uns innerhalb gesellschaftlicher Regeln und Erwartungen bewegen. Wo endet notwendige Rücksichtnahme – und wo beginnt Anpassung? Und was passiert, wenn das „Gemeinwohl“ plötzlich wichtiger sein soll als die eigenen Gefühle, Überzeugungen oder Interessen?
Und wo liegt dabei die Grenze zwischen Gemeinschaft und Selbstaufgabe?
Matthias Suske: Das ist eine spannende Frage. Ein Held ist eine Figur, die sich für eine Sache opfert und dafür gesellschaftliche Anerkennung erhält. Gerade politische Systeme nutzen solche Bilder immer wieder: Der Einzelne soll seine persönlichen Anliegen zurückstellen und sich mit einer größeren Sache identifizieren. Da stellt sich die Frage: Was bleibt eigentlich vom Menschen übrig, wenn Zweifel und Schwächen keinen Platz mehr haben?
Eng wird es für drei schiffbrüchige, hungrige Herren auf einem Floß im offenen Ozean: Michael Fröschl, Alexander Furrer und Matthias Suske in „Auf hoher See“ von Sławomir Mrożek.
Unser Abend ist allerdings auch kein politisches Lehrstück. Was kann Theater hier leisten?
Matthias Suske: Theater kann Fragen stellen, ohne fertige Antworten zu liefern. Es kann Widersprüche sichtbar machen und uns zeigen, wie schnell wir selbst urteilen oder Ungerechtigkeiten hinnehmen, obwohl wir sie eigentlich wahrnehmen.
Und trotzdem ist das Ganze ziemlich komisch.
Matthias Suske: Das Absurde und das Tragische liegen oft erstaunlich nah beieinander. Gerade wenn Situationen ernst oder bedrückend werden, kann Humor einen anderen Blick darauf ermöglichen. Die Autoren zeigen menschliche Schwächen mit großer Präzision – manchmal so zugespitzt, dass man lachen muss. Und vielleicht bleibt einem genau dieses Lachen noch eine Weile im Hals stecken.
Der einzige Gast in einem verlassenen Restaurant begegnet einem eigenwilligen Kellner, der vielleicht schon viel zu lange auf einen Besucher gewartet hat: Isabell Riedl in einer Szene aus „Mr. Pilks Irrenhaus“ von Ken Campbell.
Diesmal stehst du auch selbst auf der Bühne. Wie funktioniert das mit der Regie?
Matthias Suske: Nicht ganz einfach. Wenn ich spiele, bin ich mitten in der Szene. Gleichzeitig sehe ich als Regisseur von außen auf Bewegungen, Sprache, Bühnenbild und Requisiten. Ohne Gertrude als Regiekollegin hätte ich das nicht gemacht. Aber gerade dieser Wechsel zwischen innen und außen ist auch spannend.
Was wünschst du dir, dass das Publikum nach diesem Abend mit nach Hause nimmt?
Matthias Suske: Dass es mitlacht, mitfühlt und vielleicht das eine oder andere Bild mit nach Hause nimmt. Vielleicht entdeckt man in den Figuren auch etwas von sich selbst – mit einem schelmischen, wohlwollenden Blick. Und wenn man danach noch ein bisschen darüber weiterredet, haben wir viel erreicht.